Das Buch, das ich nie gelesen habe
Teil 1 der Serie „Für mich einstehen – was mir der Jakobsweg beigebracht hat“
Flughafen Düsseldorf, früh am Morgen. Das Boarding beginnt, und ich stehe mit einem kleinen Buch in der Hand vor der Kasse. Mein Mann drängelt, wir müssen los. Also lege ich das Buch zurück.
Ein paar Schritte später bleibe ich stehen. Ich drehe um, gehe zurück und kaufe es doch. Weil ich es wollte. Und weil, ehrlich gesagt, noch mehr als genug Zeit war.
Das Buch habe ich im ganzen Urlaub nicht ein einziges Mal aufgeschlagen.
Warum diese Szene mehr ist als eine Anekdote

Ich bin Ende August den Camino Português gegangen: von Porto bis nach Santiago de Compostela, davon sieben Tage allein. In mein Tagebuch habe ich am ersten Tag geschrieben:
Es geht mir ja nicht nur ums Wandern. Es soll eine Reise zu mir selbst werden.
Mich beschäftigte eine Frage, die ich aus einem Seminar zum Thema Selbstwirksamkeit 50+ mitgenommen hatte:
Wie kann ich besser für meine Bedürfnisse sorgen? Wie kann ich für mich einstehen, auch wenn es ein Nein für mein Gegenüber ist?
Ohne das Gefühl, dann nicht mehr geliebt zu werden.
Und dann, noch bevor der erste Kilometer gelaufen war, stand ich am Flughafen mitten in genau dieser Frage. Eine Kleinigkeit, fast lächerlich. Aber mein Muster war sofort da: Der andere hat es eilig, also stelle ich meinen Wunsch zurück, ohne nachzudenken und fast automatisch.
Kennst du das?
Vielleicht nicht mit einem Buch am Flughafen. Aber vielleicht so:
Du streichst die Mittagspause, weil das Team gerade so viel zu tun hat. Du sagst im Meeting nicht, dass dir der Termin nicht passt, weil alle anderen schon zugestimmt haben. Du gönnst dir etwas erst dann, wenn du es dir „verdient“ hast oder wenn es einen erkennbaren Nutzen hat.
Einzeln betrachtet ist das nie ein Drama. In der Summe entsteht daraus aber ein Alltag, in dem die eigenen Bedürfnisse immer als Letztes drankommen. Und oft ist das ein Alltag, in dem wir nicht einmal mehr merken, dass wir überhaupt welche haben.
Selbstwirksamkeit entsteht im Kleinen
Der Psychologe Albert Bandura hat den Begriff der Selbstwirksamkeit geprägt: die Überzeugung, Situationen aus eigener Kraft gestalten und bewältigen zu können. Als stärkste Quelle dafür beschreibt er eigene Bewältigungserfahrungen, also die Momente, in denen wir selbst erleben, dass wir etwas bewirken können.
Solche Erfahrungen müssen nicht groß sein. Das Umdrehen am Flughafen war eine davon. Nicht, weil das Buch so wichtig war, sondern weil ich in diesem Moment etwas anders gemacht habe als sonst.
Und hier wird das ungelesene Buch zur eigentlichen Pointe: Es ging nie um das Buch. Hätte ich es gelesen, könnte ich mir einreden, der Kauf habe sich „gelohnt“. So aber bleibt nur die Entscheidung selbst. Ich wollte es, und das war Grund genug.
Viele Frauen in Führung, mit denen ich arbeite, kennen diese innere Buchhaltung: Ein Bedürfnis darf sein, wenn es sich rechtfertigen lässt. Doch ein Bedürfnis muss nicht erst beweisen, dass es nützlich ist, um berechtigt zu sein.
Und die Angst, nicht mehr geliebt zu werden?
Mein Mann hat gedrängelt, und ich habe trotzdem getan, was ich wollte. Passiert ist: nichts. Wir haben den Flug erreicht, und der Urlaub begann.
Das klingt banal. Aber genau solche Erfahrungen braucht unser Nervensystem, um zu lernen, dass ein kleines Nein zum anderen kein Nein zur Beziehung ist. Das lernen wir nicht durch Nachdenken, sondern durch Wiederholung. Und die fängt bei Kleinigkeiten an.
Dein Impuls für diese Woche: das kleine Ja
Achte eine Woche lang auf einen kleinen Wunsch pro Tag, der normalerweise untergehen würde. Das kann ein Kaffee in Ruhe sein, zehn Minuten früher Feierabend oder ein Nein zu einem Termin, der nicht wirklich deiner ist.
Erfülle ihn dir, ohne ihn zu begründen. Weder vor anderen noch vor dir selbst.
Nimm dir abends zwei Minuten für diese drei Fragen:
- Wofür habe ich heute Ja zu mir gesagt?
- Was habe ich dabei gespürt, vorher, währenddessen und danach?
- Was ist tatsächlich passiert, und was hatte ich befürchtet?
Du wirst vermutlich merken, dass der Unterschied zwischen Befürchtung und Wirklichkeit größer ist als gedacht.
Wie es weitergeht
Zwei Tage nach dem Flughafen habe ich mich von meinem Mann verabschiedet und bin allein weitergegangen, weil mir wichtig war alleine zu gehen. Schon auf den ersten Kilometern wartete die nächste Lektion auf mich, in Form von zwei bellenden Hunden. Davon erzähle ich im nächsten Teil. Wenn du ihn nicht verpassen möchtest, trag dich in meinen Newsletter ein: NEWSLETTER
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