Der zweite Hund
Teil 2 der Serie „Für mich einstehen – was mir der Jakobsweg beigebracht hat“
Sonntagmorgen in Vila do Conde. Ich verabschiede mich von meinem Mann, er geht den Küstenweg, ich biege ab ins Landesinnere, um auf dem Camino Central weiterzugehen. Ab jetzt bin ich allein unterwegs.
In mein Tagebuch habe ich an diesem Morgen nur ein Wort geschrieben, unterstrichen und mit einem Smiley dahinter: Alleine.

Pilger sehe ich nur am Anfang, danach bin ich viele Kilometer für mich.
Die gelben Pfeile und Muscheln sind hier nicht immer zuverlässig.
Dafür habe ich meinen Reiseführer von zu Hause dabei, und bis jetzt stimmt alles, was darin steht.
Nach gut neun Kilometern gönne ich mir die erste Pause mit einer Pastel de Nata.
Ich fühle mich gut.
Und dann kommt der erste Hund.
Der erste Hund
Er steht hinter einem Zaun und bellt mich an. Richtig laut und völlig unerwartet. Ich erschrecke mich so, dass mein Herz einen Satz macht.
Mein erster Gedanke danach war, fast entschuldigend: Ja, ich weiß, du bewachst euer Zuhause. Aber ich will euch doch gar nichts.
Da war es wieder, mein Muster. Ich werde angebellt, und statt mich zu fragen, was ich brauche, erkläre ich innerlich, dass ich harmlos bin.
Der zweite Hund
Einige Kilometer später passiert es wieder. Ein Hund und dasselbe laute Bellen.
Aber diesmal bin ich vorbereitet. Diesmal springt mein Herz nicht. Diesmal sage ich laut und deutlich: „Shut up!“
Ich musste lachen. Über den Hund, über mich und darüber, wie gut sich das angefühlt hat.
Warum es beim zweiten Mal leichter ist
Beim ersten Hund hat mein Körper reagiert, bevor ich denken konnte. Das ist die Aufgabe unseres Stresssystems: Bei einer plötzlichen Bedrohung schaltet es in Sekundenbruchteilen auf Alarm. Herzschlag hoch, Muskeln angespannt, Denken auf Sparflamme. Das ist kein Charakterfehler, sondern Biologie.
Beim zweiten Mal war die Situation nicht mehr neu. Ich wusste, was kommen kann, und mein Körper wusste es auch. Dadurch blieb mir der Raum, um zu antworten, statt nur zu reagieren.
Genau das ist der Punkt, der sehr verbreitet ist: Viele Frauen in Führung wissen sehr genau, dass sie Grenzen setzen möchten. Aber in dem Moment, in dem es darauf ankommt, erstarren sie oder erklären sich. Das liegt nicht daran, dass sie zu schwach sind. Es liegt daran, dass der Moment sie überrascht.
Grenzen setzen ist deshalb weniger eine Frage des Mutes als eine Frage der Vorbereitung.
Was die Hunde mir noch beigebracht haben
Die Hunde haben getan, was Hunde tun: Sie haben ihr Revier verteidigt. Das ist ihr gutes Recht.
Aber ich musste sie nicht davon überzeugen, dass ich es gut meine. Ich musste mich nicht erklären und nicht rechtfertigen. Ich durfte einfach weitergehen und sagen, was ich wollte.
Übertragen auf den Führungsalltag heißt das: Nicht jede kritische Mail, nicht jeder scharfer Kommentar im Meeting und nicht jede Forderung verlangt von dir eine ausführliche Rechtfertigung. Manchmal reicht ein klarer Satz. Und dann gehst du deinen Weg weiter.
Dein Impuls für diese Woche: Finde deinen zweiten Hund
1. Erkenne deinen ersten Hund.
Welche Situation lässt dich regelmäßig zusammenzucken oder in Erklärungen verfallen? Eine bestimmte Person, eine Art von Frage, ein bestimmter Tonfall?
2. Leg dir deinen Satz zurecht.
Formuliere vorab einen kurzen, klaren Satz für genau diese Situation. Nicht unhöflich, aber ohne Rechtfertigung. Zum Beispiel:
- „Das schaue ich mir an und melde mich morgen.“
- „Das passt für mich nicht.“
- „Lass mich kurz ausreden.“
3. Gib deinem Körper einen Anker.
Wenn es so weit ist: Stell beide Füße fest auf den Boden und atme einmal länger aus als ein. Vielen hilft das, aus dem ersten Schreck heraus wieder handlungsfähig zu werden.
Und dann sag deinen Satz. Wahrscheinlich wird es sich beim ersten Mal noch ungewohnt anfühlen. Beim zweiten Mal schon weniger.
Am Abend dieses Tages
Am Nachmittag komme ich an meiner ersten Unterkunft an, in der ich allein übernachte. In der Pilgerherberge hole ich mir einen Stempel für meinen Pilgerpass. Die Frau, die ihn mir gibt, ist so herzlich und warm, dass mir fast die Tränen kommen.
Vielleicht ist auch das eine Lektion dieses Tages: Wer allein unterwegs ist, ist offener. Offener für den Schreck, aber auch für die Wärme.
Wie es weitergeht
Im nächsten Teil geht es um das, was mich auf dem Camino Central mehr herausgefordert hat als jeder Hund: das Kopfsteinpflaster. Und darum, warum es zu meiner Metapher fürs Leben wurde.
Wenn du den nächsten Teil nicht verpassen möchtest, trag dich in meinen Newsletter ein: NEWSLETTER
Schreibe ein Kommentar