Kopfsteinpflaster
Teil 3 der Serie „Für mich einstehen – was mir der Jakobsweg beigebracht hat“
Wenn ich an den Camino Central denke, denke ich zuerst nicht an Kirchen, Weinberge oder Pilgerstempel.
Ich denke an Kopfsteinpflaster.
Die Portugiesen scheinen es für so ziemlich alles zu verwenden: für Straßen, für Fußwege, für Dorfplätze. Und zwar die kleinen, unregelmäßigen Steine, bei denen jeder Schritt ein bisschen anders aufkommt als der davor.
Mein Rücken hat sich schon am ersten Tag gemeldet, jetzt meldeten sich auch meine Füße. Als irgendwann die Nationalstraße kam, war ich richtig froh. Endlich ebenes Pflaster.
Am nächsten Abend habe ich in mein Tagebuch geschrieben: Meine größte Challenge sind die Kopfsteinpflasterwege.
Und ein paar Zeilen weiter: Die Kopfsteinpflaster sind aktuell meine Metapher fürs Leben.
Manchmal ist es eben unbequem
Es gibt Wegstrecken, die lassen sich einfach nicht so leicht „latschen“ wie Asphalt. Man kann sie nicht umgehen, man kann sie auch nicht glätten. Man muss durch.
Auf dem Weg nach Barcelos hatte ich einen Gedanken, der mich überrascht hat, weil er sich so versöhnlich anfühlte: Mein Leben ist halt manchmal auch unbequem.
Nicht als Klage, eher als Feststellung. Und irgendwie auch als Erlaubnis.
Denn wie oft warten wir darauf, dass es endlich wieder glatt läuft? Dass die Umstrukturierung durch ist, das schwierige Projekt abgeschlossen, der Konflikt im Team geklärt. Erst dann, so denken wir, können wir wieder durchatmen.
Aber manche Phasen sind einfach Kopfsteinpflaster. Und die Frage ist nicht, wie wir sie vermeiden, sondern wie wir sie gehen.
Achtsam gehen, ohne umzuknicken
Das war die Frage, die ich mir auf dem Pflaster gestellt habe: Wie kann ich achtsam den Weg gehen? Bewusst, ohne umzuknicken?
Auf unebenem Boden kann man nicht mit den Gedanken woanders sein. Man muss hinschauen, wo man den Fuß hinsetzt. Kleinere Schritte machen. Den Körper spüren.
Mir hat dabei ein kleiner, selbst gebastelter Reim geholfen:
Konzentration auf Beine und Po, dann geht das sowieso.
Klingt albern, hat aber funktioniert. Wenn ich meine Aufmerksamkeit bewusst in den Körper gelenkt habe, statt in den Schmerz oder in den Gedanken „Wann hört das endlich auf?“, wurde das Gehen leichter.
Übertragen auf den Alltag heißt das: In unruhigen Phasen hilft es selten, noch schneller zu werden. Es hilft, die Schritte kleiner zu machen und die Aufmerksamkeit auf das zu richten, was gerade unter den Füßen ist.
Und trotzdem: was alles am Rand lag
Das eigentlich Erstaunliche an diesem Tag war aber etwas anderes.
Trotz Kopfsteinpflaster, trotz Rücken und trotz 18 Kilometern war mein Tagebuch am Abend voll mit schönen Dingen. Ich hatte die Früchte des Weges notiert: Eicheln, Zitronen, Kiwis, Butternusskürbisse, Wein, Kakteen. Grunzende Schweine. Einen freundlichen Lkw-Fahrer, der gegrüßt hat. Einen Pilgerrastplatz mit Fußabdrücken früherer Pilger.
Und ich hatte eine kleine Tagesbilanz geschrieben:
- Entspannt: im Café mit Blick auf Barcelos
- Dankbar: für grunzende Schweine und sieben tolle Stempel
- Stolz: 18 Kilometer trotz Rückenschmerzen und ein Abendessen in einem typischen Lokal, in dem niemand Englisch sprach
- Ehrfurcht: vor den Blumenarrangements an den Ortsschildern von Barcelinhos und Barcelos
Das Kopfsteinpflaster war da, aber es war nicht alles.
Warum der Blick auf das Schöne kein Schönreden ist
In der Positiven Psychologie steht das „P“ im PERMA-Modell von Martin Seligman für positive Emotionen. Die Psychologin Barbara Fredrickson hat dazu die Broaden-and-Build-Theorie entwickelt: Positive Emotionen erweitern unsere Wahrnehmung und helfen uns, über die Zeit Ressourcen aufzubauen, auf die wir in schwierigen Phasen zurückgreifen können.
Das heißt nicht, dass wir das Unbequeme ignorieren sollen. Der Rücken hat trotzdem wehgetan. Aber wer nur auf das Pflaster starrt, übersieht die Zitronenbäume am Wegesrand. Und genau die machen den Weg gehbar.
Dein Impuls für diese Woche: deine Kopfsteinpflaster-Bilanz
Nimm dir an drei Abenden in dieser Woche fünf Minuten Zeit und beantworte vier Fragen:
- Wann war ich heute entspannt?
- Wofür bin ich heute dankbar?
- Worauf bin ich heute stolz?
- Wo habe ich heute gestaunt oder Was hat mich berührt?
Wichtig: Mach diese Bilanz gerade an den Tagen, die sich holprig angefühlt haben. Nicht um sie schönzureden, sondern um zu sehen, dass neben dem Pflaster noch mehr lag.
Und wenn du tagsüber merkst, dass es gerade unbequem wird, frag dich: Wo kann ich meine Schritte kleiner machen?
Wie es weitergeht
Am nächsten Morgen hatte mein Rücken eine klare Botschaft für mich. Wie ich gelernt habe, sie zu hören, statt dagegen anzulaufen, erzähle ich im nächsten Teil: „Nimm die Stöcke“.
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