Grenzen setzen ohne schlechtes Gewissen: Warum es für Führungskräfte besonders schwer ist
Du weißt, dass Du Grenzen setzen solltest. Du hast es gelesen. Du hast es in Seminaren gehört. Vielleicht hast Du es Dir selbst schon hundertmal vorgenommen. Und trotzdem sagst Du wieder Ja, obwohl Du Nein meinst. Wieder übernimmst Du mehr, als Dir guttut. Wieder geht die eigene Erschöpfung als letztes in die Rechnung ein.
Woran liegt das?
Und warum ist Grenzen setzen in Führungsrollen so besonders herausfordernd?
Grenzen sind keine Mauern
Bevor wir über das „Wie“ sprechen, möchte ich kurz klären, was Grenzen eigentlich sind. Denn es gibt ein weit verbreitetes Missverständnis.
Grenzen setzen bedeutet nicht: hart sein, kalt sein, unzugänglich sein. Es bedeutet nicht, das Team auf Abstand zu halten oder keine Empathie zu zeigen.
Eine Grenze ist etwas anderes: Sie ist eine ehrliche Aussage über das, was Du kannst und was nicht, über das, was Dir wichtig ist, über das, was Du brauchst, um gut für andere da sein zu können.
Grenzen schützen nicht nur Dich. Sie schützen auch Deine Beziehungen – und damit Dein Team.
Warum Führungskräfte besonders kämpfen
In meiner Coaching-Praxis erlebe ich es immer wieder: Ausgerechnet erfahrene, engagierte Führungskräfte haben besonders große Schwierigkeiten damit, Grenzen zu setzen. Das ist kein Zufall.
Es gibt dafür einige strukturelle Gründe:
- Die Rolle verlangt Verfügbarkeit: Führungskräfte sollen ansprechbar sein – für das Team, für Vorgesetzte, für Kunden. Wer eine Grenze setzt, fühlt sich schnell, als würde er oder sie dieser Erwartung nicht gerecht werden.
- Verantwortungsgefühl: Wer Verantwortung für andere trägt, stellt eigene Bedürfnisse häufiger zurück. Das Gefühl, für das Team da sein zu müssen, überwiegt das eigene Wohlbefinden.
- Der Wunsch nach Harmonie: Viele Führungskräfte – und besonders viele Frauen in Führungsrollen – haben gelernt, Konflikte zu vermeiden oder zu entschärfen. Grenzen setzen fühlt sich oft wie Konflikt an. Also lieber lassen.
- Glaubenssätze über Stärke: „Eine gute Führungskraft hat keine Grenzen.“ „Wenn ich Nein sage, bin ich schwach.“ Diese Überzeugungen sitzen tief – auch wenn wir sie rational längst hinterfragt haben.
Das schlechte Gewissen: Woher kommt es?
Fast alle meiner Klientinnen beschreiben das gleiche Phänomen: Das schlechte Gewissen kommt nicht, weil die Grenze falsch war. Es kommt, obwohl die Grenze richtig war.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Schlechtes Gewissen ist keine verlässliche moralische Richtschnur. Es ist oft das Echo einer alten Überzeugung: „Ich darf keine Grenzen haben, weil ich sonst jemanden enttäusche.“ Oder: „Wenn ich für mich sorge, bin ich egoistisch.“
Aus der Perspektive des Emotionscoachings ist das schlechte Gewissen damit keine Botschaft über das, was wir getan haben – sondern über das, was wir geglaubt haben, sein zu müssen.
Die Erschöpfung der grenzenlosen Führungskraft
Was passiert, wenn Grenzen dauerhaft fehlen?
Zunächst: Man funktioniert weiter. Vielleicht sogar gut. Das täuscht.
Denn die Kosten werden verlagert – auf den Körper, auf die Lebensqualität nach der Arbeit, auf die Beziehungen zu Menschen, die nichts mit der Arbeit zu tun haben.
Die Forschung zu emotionaler Erschöpfung zeigt: Wer dauerhaft mehr gibt, als er zurückbekommt – und wer dabei die eigenen Signale ignoriert – erhöht das Risiko für Burnout signifikant. Und Burnout betrifft in besonderem Maße Menschen, die sich stark mit ihrer Arbeit und ihren Werten identifizieren.
Also: oft genau die besten Führungskräfte.
Wie Grenzen setzen sich anfühlen darf
Grenzen setzen muss weder hart noch kalt sein. Es kann ruhig sein. Klar. Sogar freundlich.
Ein paar Beispiele, wie das in der Praxis aussehen kann:
- Statt: „Ja, kein Problem“ → „Ich schaue mir das an und melde mich bis morgen Früh.“
- Statt: „Ich übernehme das“ → „Das liegt eigentlich im Verantwortungsbereich von X – lass uns gemeinsam schauen, wie wir das sinnvoll verteilen.“
- Statt: (Nichts sagen und innerlich kochen) → „Ich brauche kurz einen Moment, um das zu verarbeiten, bevor wir weiterreden.“
Diese Sätze sind keine Verweigerung. Sie sind Selbstführung in Aktion.
Ein erster Schritt: Deine Grenzen kennen, bevor Du sie setzen kannst
Bevor Du Grenzen setzen kannst, musst Du wissen, wo sie sind.
Das klingt selbstverständlich – ist es aber oft nicht. Viele Führungskräfte bemerken eine Grenzüberschreitung erst dann, wenn sie schon lange über die eigene Grenze gegangen sind. Der Körper weiß es dann schon eine Weile.
Eine einfache Reflexionsfrage für diese Woche:
In welchen Momenten der letzten Wochen habe ich Ja gesagt und dabei innerlich Nein gemeint? Was hat mich dazu gebracht?
Nicht um zu urteilen. Sondern um ehrlich hinzuschauen.
Wer seine eigenen Grenzen kennt, kann sie auch kommunizieren – und zwar so, dass andere sie verstehen können. Das ist keine Schwäche. Das ist emotionale Reife.
Grenzen setzen fühlt sich bei Dir noch schwierig an? Im Coaching schauen wir gemeinsam, was Dich davon abhält – und wie Du mehr in Kontakt mit Deinen eigenen Bedürfnissen kommst. Ich freue mich auf Deine Nachricht.
Herzliche Grüße – Britta Heimann 🤍
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